Mittendrin im Zentralamerikanischen Jugendorchester

Für acht Mitglieder ging es im September 2015 nach Honduras, um das Zentralamerikanische Jugendorchester OJCA in seiner Arbeitsphase und drei Konzerten zu unterstützen. Finn, Aki, Sarah, Clara, Christopher, Kevin, Helena und Julia über eine einmalige Erfahrung.

Zehn Tage voller Herzlichkeit und Musik

Müde, aber glücklich sind wir nach 10 Tagen Honduras wieder in Deutschland angekommen. Hinter uns liegt eine wundervolle Zeit mit einer bunten Truppe Menschen voller Herzlichkeit aus Honduras, Costa Rica, Guatemala, El Salvador, Nicaragua, República Dominicana, Panamá und Mexico. Wir vermissen schon jetzt die Energie und das Temperament, das wir jeden Tag gespürt haben, sei es bei den Konzerten oder den nächtlichen Latinopartys.

Crashproben und Piñataschlangen

Nach über 24 Stunden Reise wurden wir am Flughafen empfangen von Rainer Stoy von der Deutschen Botschaft, von der Vertretung des „Centro Cultural Alemán“, und von Alejo Campos, dem Künstlerischen Leiter des OJCA. Wir hatten eine sehr schöne Unterbringung mit Pool etwas außerhalb von Tegucigalpa. Während wir noch mit unserem Jetlag beschäftigt waren, fingen die Zentralamerikaner am ersten Tag bereits vor 6 Uhr morgens an, draußen zu üben und bis abends um 24 Uhr verging keine Minute ohne Musik in der Luft. Die erste Crashprobe verlief tatsächlich sehr chaotisch und hinterließ zunächst die ein oder andere Sorgenfalte. Nach der garantierten Portion Frijoles (Bohnenmus), die wir von nun an jeden Tag genießen sollten, ging es dann aber gestärkt in die Stimmproben, bei denen – paso a paso – alles zusammengesetzt wurde. Blechbläser, Kontrabässe und die Schlagzeuger probten draußen, was bei den anfangs sehr angenehmen Temperaturen kein Problem war. Die Dozenten kamen aus Honduras, Mexico, Spanien und Deutschland. Die Mittagspause verbrachten wir im Pool, mit Piñataschlangen (mit Süßigkeiten gefüllte Schweinefigur;)) zum Día del Niño, mit einem Fußballturnier (sehr heiß!), mit Ausflügen zur Tankstelle oder einfach mal schlafend …

Polizeipatrouillen und Politiker

Nach einem Schusswechsel nur etwa einen halben Kilometer von unserer Unterbringung entfernt, konnten wir allerdings leider seit dem dritten Tag das großzügige Hotelgelände aus Sicherheitsgründen nicht mehr verlassen. Eine Polizeipatrouille sicherte das Orchestercamp ab. Wirklich unsicher haben wir uns aber nie gefühlt. Am zweiten Tag erwartete uns eine Pressekonferenz mit den verschiedenen Delegierten von Seiten der Regierung, des Kulturbereichs, der Botschaft und des Goethe-Instituts. Dazu ein Buffet mit wahnsinnig aufwändig dekorierten Platten (inklusive Auberginenpinguin) und einem Gläschen Wein. Das OJCA bekam insgesamt große mediale Aufmerksamkeit und verschiedene Interviews, Reden und Empfänge gelangten ins Fernsehen. Die Politiker und Kulturminister statteten uns später noch einmal einen Überraschungsbesuch ab und verteilten Geschenktüten unterschiedlichen Inhalts mit Informationsmaterial über Honduras und kleinen Präsenten.

Schweißperlen im Starkregen

Geprobt wurde morgens, nachmittags und abends von 9 Uhr morgens bis 22 Uhr abends. Die frischgeprobten Teile des sehr großen Programms wurden von den Stimmproben jeden Tag ins Tutti getragen. Geprobt wurde hier auch draußen, allerdings überdacht. Hier wurde so manche Schweißperle in den Mittagsproben gelassen und zwischendurch mussten wir kurz wegen Starkregen pausieren. Was auch zu einer Tradition werden sollte, war der tägliche Stromausfall. Der erste ereilte uns abends bei absoluter Dunkelheit. Bei Kerzenschein aßen wir zu Abend und mussten die Spätprobe verschieben. Mit der Latinogelassenheit wurde aber gleich ein Alternativprogramm erstellt und so lagen wir bald unter einen prall gefüllten Sternenhimmel, mit deutlich einer sehr hellen Milchstraße und unglaublich vielen Sternschnuppen. Nach etwa einer Stunde konnten wir mit der Probe fortfahren; noch fehlendes Licht wurde durch Handylampen ersetzt.

Die Musiker aus dem unterschiedlichen Ländern waren alle sehr motiviert in den Proben, was sich auch vor dem Hintergrund erklären lässt, dass viele von ihnen wahnsinnig viel Herzblut und Aufwand erbringen, um ein Instrument zu erlernen. Wir haben die unterschiedlichsten Geschichten gehört. Oft lief es darauf hinaus, dass die Musiker eben das Instrument gelernt haben, welches an ihrer Musikschule angeboten wurde. Wir haben erlebt, wie sich die Leute der unterschiedlichen Länder immer wieder untereinander über Musik und Instrumentaltechnik ausgetauscht und sich gegenseitig unterstützt haben. Auch auf uns sind sie einige Male mit Fragen zugekommen; ein sehr schöner Kontakt. Der Dirigent Nicolás Pasquet und sein Assistent Joan haben sich sehr herzlich um die deutsche Gruppe gekümmert und auch den größeren Teil der Probe immer auf Deutsch übersetzt. Die anderen spanischsprachigen Musiker waren ebenfalls hilfsbereit. Die Probe des Stücks „Danza, Magia, Ritual“ des hondureñischen Komponisten Jorge Mejía fiel immer in die Abendstunden. Die Mischung aus indianischen Melodien, Chor- und Perkussionsteilen sorgte immer für ausgelassene Stimmung mit Choreo und Tanz. Unterstützt wurde das OJCA von dem Chor der Philharmonie Honduras sowie einer vierköpfigen Perkussionsgruppe von indianisch-stämmigen Garífonos.

Comayagua

Nach einer Woche Probe ging es dann auf das erste Konzert zu. Wir verließen nach mehreren Tagen einmal wieder das Gelände und machten uns mit zwei Bussen auf den Weg nach Comayagua, einer kleinen Stadt, etwa 2 Stunden von Tegucigalpa entfernt. Dort hatten wir Zeit die hübsche Stadt etwas zu erkunden. Das Open-Air-Konzert sollte auf dem Plaza vor der Kathedrale stattfinden. In der Anspielprobe bei gefühlt über 35 Grad testeten wir die Glocken der Kathedrale für das Finale der Ouvertüre „1812“ von Tschaikowsky aus. Das Konzert fand anlässlich des 15. Septembers statt, dem Unabhängigkeitstag von Honduras. So durften unzählige Reden vor und nach dem Konzert nicht fehlen. Das Konzert erwies sich als akustisch sehr schwierig, weil die die mangelhafte Mikrofonierung und Hintergrundgeräusche ein harmonisches Zusammenspiel sehr beeinträchtigten. Das Publikum war dennoch sichtlich begeistert und applaudierte mit Standing Ovation. Anschließend folgte ein Essen mit Feuerwerk und die Fahrt nach Tegucigalpa.

Tegucigalpa

Hier hatten wir morgens Zeit, die trubelige Innenstadt zu besichtigen. Die Anspielprobe war ein Genuss, da wir zum ersten Mal überhaupt in einem Saal spielten. Das Theater (eine französische Nachahmung) bot ein schönes Ambiente mit einer angenehmen Akustik. Das Galakonzert abends war ein Erfolg und das Publikum sehr begeistert. Anschließend Wein- und Bierempfang :) Und schon kam der letzte Tag. Nach morgendlicher Stadtführung und der (täglichen) Reismahlzeit ging es in die Anspielprobe. Unser letztes Konzert war für die breite Bevölkerung geöffnet. Im vollen Konzertsaal waren auch sehr viele Jugendliche. In einem Übergangsteil der Komposition von Jorge Mejía machten wir eine Orchester-La-Ola mit den Fahnen der verschiedenen Herkunftsländer. Das OJCA gab noch einmal alles und der Hexensabbat aus Berlioz’ „Symphonie fantastique“ wurde zur Extase, bei der auch die eine und andere Abschiedsträne floss. Es folgte eine endlose Fotosession.

Abschied

Die Latinos haben wirklich mit ihrer quirligen Art unser Herz eingenommen. Im Hotel erwartete uns als Überraschung eine Open Air Latino Party. Musik- und Lichtanlage waren aufgebaut und bald war die Straße gefüllt mit tanzenden Menschen. Eine ausgelassene Abschiedsfeier. Und schon kam die Stunde des Abschieds: Der erste Bus in die Heimatländer ging um 3 Uhr morgens nach Costa Rica.

Viel zu schnell ist diese Zeit vorbeigegangen. Für uns war es eine einzigartige Erfahrung mit vielen Überraschungen und Wendungen. Vor allem aber sind wir tief in die zentralamerikanische Kultur eingetaucht. Wir wurden überall mit einem Lächeln empfangen und die Latinos waren sehr aufgeschlossen und haben gerne von ihren Ländern erzählt. Es war erstaunlich, wie sehr doch der Sinn für klassische Musik hier gelebt wird. Einige der OJCA-Musiker werden im Laufe des Jahres nach Deutschland kommen. In nur zehn Tagen sind hier in Honduras tolle Freundschaften entstanden – vielleicht sieht man sich wieder … in Deutschland oder bei „OJCA 2016“ in Mexiko.

Lieber Sönke, vielen Dank, dass Du das alles vorbereitet hast und uns damit diese Reise ermöglicht hast!

Berlin Philharmoniker
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