Das Bundesjugendorchester in Pandemiezeiten

Das Beethovenjahr 2020 hatte grade Fahrt aufgenommen, da verpasste ihm das Coronavirus im Frühjahr eine Vollbremsung. Für das geplante „Beethoven Crescendo“ des Bundesjugendorchesters in Zusammenarbeit mit dem Dirigentenforum und den Förderprojekten Zeitgenössische Musik des Deutschen Musikrates brachte das große Planänderungen mit sich. Denn ein halbes Jahr ganz ohne das Bundesjugendorchester kam für die Musikerinnen und Musiker nicht in Frage. Wir blicken hier auf die Aktivitäten der letzten Monate zurück.


Paavo Järvi dirigiert das Bundesjugendorchester

Höhepunkt des pandemiegeprägten Jahres war unbestritten die Videoproduktion und der Livestream mit Ludwig van Beethovens 7. Sinfonie unter Paavo Järvi im Oktober. Mit dieser spontanen Sonderarbeitsphase unter der Leitung des international gefragten Dirigenten hat das Bundesjugendorchester seine musikalische Arbeit nach der pandemiebedingten Pause wieder aufgenommen. In der Beethovenstadt Bonn wurde unter strengen Hygieneregeln ein Konzertfilm und das dazugehörige Making of „Zusammenwachsen auf Abstand“ produziert, welches die erstmalige Zusammenarbeit der jungen Musikerinnen und Musiker mit dem Beethoven-Spezialisten festhält. Beides ist auf der Website des Bundesjugendorchesters abrufbar. Paavo Järvi zeigte sich begeistert: „Ich glaube fest an die verbindende Kraft der musikalischen Bildung. Es war eine große Freude, mit dem Bundesjugendorchester zu arbeiten. So viele Talente in einem Raum!“

 


Musik im Gottesdienst

Zur individuellen Förderung seiner Musikerinnen und Musiker in Pandemiezeiten hat das Bundesjugendorchester ein Projekt ins Leben gerufen, bei dem Orchestermitglieder Gottesdienste in Partnerkirchen musikalisch gestalten. Dazu bewerben sich die Jugendlichen mit passendem Repertoire beim Bundesjugendorchester und werden mit den Kantorinnen und Kantoren in Kontakt gebracht. Ziel ist es, ihnen trotz der Einschränkungen und mit Schutzmaßnahmen Motivation, Übeanlässe und Auftrittserfahrungen zu ermöglichen.

Für das Projekt ist es gelungen, ausgewählte Kantorinnen und Kantoren aus Kirchengemeinden in ganz Deutschland zu gewinnen: Die ersten Gottesdienste mit Beteiligung von Orchestermitgliedern fanden am 21. März in der Propsteikirche Herz Jesu Lübeck und der Kirche Zur Heiligsten Dreieinigkeit Ludwigsburg statt. Außerdem sind Termine in der Lukaskirche Bonn, dem St. Petri Dom Bremen, der Marienkirche Lübeck und der Martinskirche Kassel geplant. Weitere Kirchengemeinden werden hinzukommen. Mit Beginn des Projektes stehen bis in den Sommer hinein bereits knapp 30 Termine für Gottesdienste in Partnerkirchen fest, welche die jungen Musikerinnen und Musiker musikalisch begleiten werden. Interessierte Kirchenmusikerinnen und -musiker können sich unter bjo@musikrat.de melden.

 


eroica @ home

In Zeiten von Abstandsregeln und ausgefallenen Arbeitsphasen macht das Internet so manches möglich. Da auch die Osterarbeitsphase 2020 abgesagt werden musste, haben Mitglieder des Bundesjugendorchesters Ausschnitte aus Ludwig van Beethovens Sinfonie Nr. 3 „Eroica“ zu Hause eingespielt. Der Klarinettist Jakob Plag hat die einzelnen Aufnahmen im Anschluss zu einem großartigen Video zusammengeschnitten. Die „Eroica“ hätte bei dieser Tournee zusammen mit Brett Deans „Testament - Music for orchestra“ und der Auftragskomposition „the weight of ash“ von Mark Barden auf dem Programm gestanden.

 


Aus der Neuen Welt @ Home

Auch in das Konzertjahr 2021 konnte das Bundesjugendorchester leider nicht wie gewohnt mit einem großen Orchesterprojekt starten. Deshalb haben sich die Orchestermitglieder erneut zusammengeschlossen und einen Ausschnitt aus dem 4. Satz „Allegro con fuoco“ aus Antonín Dvořáks 9. Sinfonie e-Moll op. 95 „Aus der Neuen Welt“ in Eigenregie erarbeitet, eingespielt und zusammengefügt. Danke an den BJOler Maximilian Beer für Schnitt und Ton!

 


Young Euro Classic

Pandemie-Zeiten sind Kammermusik-Zeiten. Das hat das Festival „Young Euro Classic“ als eines der ersten erkannt und Anfang August kurzerhand ein kammermusikalisches Alternativprogramm auf die Beine gestellt. Das Bundesjugendorchester – Stammgast seit der ersten Festivalstunde – durfte da natürlich nicht fehlen. Mit dabei waren drei Ensembles aus insgesamt 21 Musikerinnen und Musikern des Bundesjugendorchesters. Anstelle großer Sinfonik standen bei einer Matinee und einem Beethoven-Abend Werke von Mozart, Schubert und natürlich Beethoven auf dem Programm. Die Auftritte im Konzerthaus Berlin zählten Anfang August zu den ersten Kulturveranstaltungen unter Coronabedingungen in der Bundeshauptstadt.

 


MusXchange-Austausch

Im Oktober konnte das Bundejugendorchester trotz aller Einschränkungen zudem seinen Austausch mit europäischen Partnerorchestern weiterführen. Im Rahmen des MusXchange-Programms der European Federation of National Youth Orchestras waren sechs Orchestermitglieder bei den Proben des Wiener Jeunesse Orchesters dabei: Antonia Fabricius, Hannah Forg, Anton Urvalov, Sarah Paul, Kim Brunner und Anna Perl. Das anschließende Konzert mit der Solistin Selina Ott fand unter der Leitung von Herbert Böck im Wiener Musikvereinssaal statt.


Probespiele in der Beethovenstadt

Anlässlich des Beethovenjahres fanden auch die jährlichen Probespiele des Bundesjugendorchesters 2020 unter strengen Hygieneregeln in Bonn statt. Bewerberinnen und Bewerber aus allen Teilen Deutschlands – von Lübeck bis Konstanz und von Bonn bis Halle (Saale) – reisten dazu in die Beethovenstadt. Zahlreiche Musikerinnen und Musiker konnten die Jurys von ihren musikalischen Qualitäten überzeugen. Insgesamt haben sich 121 junge Kandidatinnen und Kandidaten beworben, von denen 46 neue Mitglieder in das Bundesjugendorchester aufgenommen wurden. Gleichzeitig waren die Probespiele auch ein erster erfolgreicher Testlauf für das sorgfältig erarbeitete Hygienekonzept.


Kreativ-Workshop und Fotoshooting

Im Oktober waren Musikerinnen und Musiker des Bundesjugendorchesters für einen Kreativ-Workshop bei den Berliner Clinker Lounge Concerts zu Gast. Erstmals begleiten die dort entstandenen Porträts einzelner Orchestermitglieder die Texte der Anfang Januar veröffentlichten Jahresbroschüre. Unter dem Leitgedanken „Töne sehen und Farben hören“ drücken die Fotos das ganz persönliche Verhältnis der jungen Musikerinnen und Musiker zur Musik grafisch aus. Mit diesen frischen Eindrücken blickt das Bundesjugendorchester vorsichtig optimistisch und voller Vorfreude auf das Konzertjahr 2021.

 


Beethoven Pastoral Project

Ludwig van Beethoven war nicht nur genialer Komponist, sondern auch Naturliebhaber. Das Weltklimasekretariat der Vereinten Nationen und BTHVN2020 haben das zum Anlass genommen, um Musikerinnen und Musiker aus aller Welt zum Beethoven Pastoral Project aufzurufen. Die Initiative „Alle Dörfer bleiben“, die sich für den Erhalt durch Braunkohle-Tagebau bedrohter Dörfer einsetzt, veranstaltete in diesem Rahmen ein Wandelkonzert auf einem Bauernhof am Tagebau Garzweiler. 58 Musikerinnen und Musiker anliegender Orchester spielten am 1. Juni Ludwig van Beethovens Sinfonie Nr. 6 „Pastorale“ auf der Wiese, zwischen Strohballen und im denkmalgeschützten Innenhof. Zahlreiche Profimusikerinnen und -musiker (darunter einige ehemalige BJOler) folgten dem Aufruf und wirkten bei dem Konzert mit. Ein einstündiger Livestream dokumentiert dieses musikalische Statement für den Klimaschutz.

 


Online Seminare

Das Bundesjugendorchester beteiligte sich außerdem an den projektübergreifenden Online-Seminaren des Deutschen Musikrats. Einerseits hatten BJOler so die Chance, Vorträge zu Themen wie Selbstmanagement und -vermarktung, Kommunikation und alternative Konzertformate zu hören. Andererseits veranstaltete das Bundesjugendorchester selbst zwei Online-Seminare. Eines vor dem Hintergrund der ausgefallenen Sommertournee gemeinsam mit dem World Youth Choir am 30. Juli unter dem Titel „Beethovens 9. Sinfonie – Entstehung und Bedeutung“. Dr. Beate Angelika Kraus, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Beethoven-Haus Bonn und Mit-Herausgeberin der Neuen Beethoven-Gesamtausgabe, referierte über Beethovens wohl bekanntestes Werk. Das zweite Online-Seminar zur 9. Sinfonie von Dmitri Schostakowitsch fand am 1. Dezember zur Vorbereitung der Musiker*innen auf die Winter-Arbeitsphase des Bundesjugendorchesters im Januar 2021 statt. Bernd Feuchtner, Präsident der Deutschen Schostakowitsch Gesellschaft und freier Autor in Berlin, stellte die Sinfonie in Hinblick auf ihre historische Bedeutung und die verschiedenen Möglichkeiten sie zu interpretieren, vor. Die Fortsetzung der Seminarreihe des Deutschen Musikrats ist bereits in Planung.

 


Immer auf dem Laufenden bleiben

Langsam aber sicher startet das Bundejugendorchester mit den Planungen für die nächsten Wochen und Monate – dann wieder mit Livemusik in größeren Betzungen. Unser Newsletter infomiert Sie regelmäßig über spannende Projekte und anstehende Konzerte des Bundesjugendorchesters.

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